Welche Übungen werden bei der Ergotherapie gemacht? Vielfalt der funktionellen Maßnahmen

Welche Übungen werden bei der Ergotherapie gemacht? Die Übungen, die im Rahmen der Ergotherapie durchgeführt werden, sind extrem vielfältig und richten sich immer nach dem individuellen Betätigungsanliegen und der Funktionsstörung des Patienten. Das Ziel der Ergotherapie ist es, die Handlungsfähigkeit in den Bereichen Selbstversorgung, Produktivität (Beruf, Schule) und Freizeit zu verbessern oder wiederherzustellen. Die Übungen sind somit nicht nur auf Kraft und Bewegung begrenzt, sondern haben stets einen funktionellen und alltagsbezogenen Hintergrund.

1. Passive und aktive Mobilisationsübungen

Diese Übungen sind grundlegend, um die Beweglichkeit wiederherzustellen und Versteifungen zu verhindern.

Passive und assistierte Mobilisation

Hierbei wird die Bewegung nicht aktiv vom Patienten durchgeführt.

  • Dehnübungen: Der Therapeut oder eine Schiene dehnt verkürzte Sehnen, Bänder oder Kapseln sanft und gezielt, um den vollen Bewegungsumfang (Range of Motion, ROM) wiederherzustellen.
  • Gelenkmobilisation: Spezifische Handgriffe des Therapeuten, um die Beweglichkeit der Gelenkkapsel zu verbessern (Traktion und translatorisches Gleiten).

Aktive Mobilisation

Der Patient führt die Bewegung selbstständig aus.

  • Bewegungsübungen: Systematisches Durchbewegen aller Gelenke (z.B. Faustschluss, Fingerstreckung) innerhalb der schmerzfreien Grenzen.
  • Sehnengleitübungen: Hochspezifische Übungen (z.B. Hakenfaust, gerade Faust) nach Sehnenoperationen, um die Sehnen innerhalb der Sehnenscheiden zum Gleiten zu bringen und Verklebungen zu verhindern.

2. Kräftigungs- und Ausdauerübungen

Nach der Wiederherstellung der Beweglichkeit muss die Muskulatur neu aufgebaut werden.

  • Isometrische Übungen: Anspannen der Muskeln ohne sichtbare Gelenkbewegung, ideal in der frühen Phase nach Frakturen zur Muskelaktivierung.
  • Widerstandsübungen: Training mit Hilfsmitteln zur Steigerung der Kraft:
    • Therapiekitt (Therapieknete): Für isoliertes Training der Finger- und Greifmuskulatur.
    • Handtrainer/Federgeräte: Zum Aufbau der Griffkraft und Unterarmmuskulatur.
    • Gewichte/Hanteln: Für das Training der Schulter-, Arm- und Unterarmmuskulatur, die für das Tragen und Halten notwendig sind.

3. Feinmotorik- und Koordinationstraining

Diese Übungen zielen auf die Geschicklichkeit und Präzision ab und sind das Herzstück der Ergotherapie.

  • Pinzettengriff-Übungen: Übungen mit kleinen Gegenständen (Perlen, Nadeln, Reis), um den Spitzengriff (Daumen und Zeigefinger) zu trainieren.
  • Zwei-Hand-Aktivitäten: Übungen, die die Koordination beider Hände erfordern (z.B. Karten mischen, Schleife binden, Deckel abdrehen).
  • Alltagsbezogene Aufgaben (ADL-Training): Simulation und Übung von Handlungen aus dem täglichen Leben:
    • An- und Ausziehen (Knöpfe, Reißverschlüsse).
    • Umgang mit Besteck und Küchengeräten.
    • Schreiben oder Tippen am Computer.

4. Sensorische Übungen und Narbenmanagement

Diese Techniken adressieren Nervenschädigungen und Hautveränderungen.

  • Sensibilitätstraining: Bei Taubheitsgefühlen (nach Nervenschädigung) wird der Patient geschult, Texturen, Formen und Temperaturen wieder bewusst wahrzunehmen (z.B. Ertasten verschiedenem Materials unter einem Tuch).
  • Desensibilisierung: Bei Überempfindlichkeit (Hypersensibilität oder nach CRPS) wird die Hand schrittweise unterschiedlichen Reizen (von weich nach rau) ausgesetzt, um die Schmerzreaktion des Nervensystems zu reduzieren.
  • Narbenmobilisation: Gezielte Massage und Drucktechniken, um die Narbe weich und elastisch zu halten und Verklebungen mit Sehnen oder Nerven zu verhindern.

5. Kognitive und Hilfsmittel-Übungen

Die Ergotherapie umfasst auch das Training der Kognition und die Anpassung an Einschränkungen.

  • Kognitives Training: Bei bestimmten neurologischen Erkrankungen werden Übungen zur Verbesserung von Aufmerksamkeit, Planung und Problemlösung eingesetzt.
  • Hilfsmittelberatung: Das Üben des korrekten Einsatzes von Hilfsmitteln (z.B. angepasste Bestecke, Greifzangen, spezielle Schreibhilfen) zur Kompensation von bleibenden Funktionsverlusten.

Die Wahl, welche Übungen in der Ergotherapie gemacht werden, hängt immer von der Ursache Ihrer Einschränkung ab (z.B. ob Sie nach einer Sehnentransplantation das Gleiten üben müssen oder nach einem Schlaganfall die Grobmotorik re-trainieren).

 

Teilen auf:

Jetzt Termin vereinbaren

de_DE_formalGerman